Dieses Writing entstand als mein Redebeitrag fĂŒr die 5. Queer Pride Dresden 2025 am 21.06.2025: https://www.queerpridedd.org/
Ich mĂŒsse âmeine Wut in den Griff bekommenâ, wurde mir als Kind vorgehalten. Nachdem ich mich wieder mal in den Nebenraum des Klassenzimmers zurĂŒckgezogen hatte, weil alles zu viel wurde. Ich mĂŒsse âan meinem Temperament arbeitenâ, wurde mir gesagt, nachdem ich mal wieder eine der Schikanen der Mobber unseres Jahrgangs ausgesetzt war â denn âzum Streit gehören ja immer zweiâ.
Ich wuchs in einer Gesellschaft auf, die ich nicht verstand. Mit ihren vielen Regeln, die halt âeinfach so sindâ. Deren Nichteinhaltung hĂ€ufig mit Ausgrenzung quittiert wurde und Hinterfragen ungebeten war.
Ich war immer irgendwie âandersâ. Zumindest das fiel ihnen auf. Genug zumindest fĂŒr eine âADHSâ-Diagnose. Dann wussten sie, was âkaputtâ mit mir war â mein âAufmerksamkeitsdefizitâ und die âHyperaktivitĂ€tâ â juchei, da gibt es Medikamente, die mich ânormalerâ machen sollen! Oh, die âWutanfĂ€lleâ waren trotzdem noch da? Na, dann muss ich halt einfach weiter an meinem âTemperamentâ arbeiten.
Hauptsache, ich halte mich an ihre Vorstellung davon, wie eins zu leben hat. Nur war ich da nie sonderlich gut darin. Zu einengend fĂŒr mich â eingesperrt in die als âNormalitĂ€tâ geradezu angebetete Tristheit.
âGeh doch mal Party machen, dann lernst du auch mal ein paar Leute kennen!â âWie sieht es denn bei dir mal mit einer Freundin aus?â âEs ist aber schon ungewöhnlich, als âMannâ nicht gerne Auto zu fahren!â âGeh doch mal raus an die frische Luft und hock nicht immer nur vor dem Computer!â âHab dich doch nicht so!â
Ich wuchs in einer Gesellschaft auf, die mich nicht verstand. Die mich aber nie verstehen musste, denn ich bin in der Minderheit. âSei einfach du selbst, aber bitte nicht soâ.
Hermeneutische Ungerechtigkeit ist der Begriff dafĂŒr, wenn Menschen nicht dazu in der Lage sind, ihre Erfahrungen selbst zu begreifen oder anderen zu vermitteln. Wenn ihnen dafĂŒr die Wörter fehlen und andere es ihnen nicht glauben.
Dass es dafĂŒr eine Bezeichnung gibt, habe ich erst viel spĂ€ter herausgefunden. Dass ich nichtbinĂ€r bin und mit diesem ganzen âMĂ€nnerkramâ ĂŒberhaupt nichts anfangen kann, habe ich erst viel spĂ€ter herausgefunden.
Dass ich autistisch bin, Meltdowns ein Overload des Gehirns und kein âTemperamentâ sind, habe ich erst viel spĂ€ter herausgefunden.
Dass meine Kinks komplett okay sind, wie man darĂŒber kommuniziert und dass ich mich damit nicht mein Leben lang verstecken muss, habe ich erst viel spĂ€ter herausgefunden.
Dass ich lieber polyamor lebe, es das Double Empathy-Problem gibt und ganz und gar nicht âsozial unfĂ€higâ bin, habe ich erst viel spĂ€ter herausgefunden.
Heute weiĂ ich, dass es dafĂŒr Wörter gibt. Heute weiĂ ich, dass ich neuroqueer bin, Cishetero-Monogam-Vanilla-NeuronormativitĂ€t fĂŒr mich einfach nicht funktioniert und dass jahrzehntelanges Gaslighting daran nichts Ă€ndert.
Was wĂ€re, wenn ich all diese Worte schon vor 20 Jahren gekannt hĂ€tte? Wenn Konzepte von alternative Beziehungsformen, Konsens und die Existenz von Kinks bereits frĂŒh gelehrt und Sprechen darĂŒber normalisiert werden wĂŒrden? Wenn jeder Mensch frĂŒhzeitig die Chance hĂ€tte, den eigenen Neurotyp zu erfahren und Zugang zu neuroaffirmativen Ressourcen und UnterstĂŒtzung zu bekommen?
Die RealitÀt sieht leider noch anders aus.
RealitĂ€t ist, dass ein NS-Kindermörder einer Diagnose jahrzehntelang ihren Namen gegeben hat â Asperger. Oh, und natĂŒrlich ist der ICD-10 nach wie vor vielerorts im Einsatz.
RealitĂ€t ist, dass noch immer eine Autismus-âTherapieâ angepriesen wird, die die gleichen UrsprĂŒnge hat wie Konversionsâtherapieâ fĂŒr HomosexualitĂ€t.
RealitĂ€t ist, dass es als âTrendâ abgetan wird, neurodivergent zu sein. So wie es vor vielen Jahren mal âTrendâ war, dass es plötzlich linkshĂ€ndige Menschen gab.
RealitĂ€t ist, dass Autist:innen weiterhin als âkaputte Allistischeâ gesehen werden. Sie reden von âMenschen mit Autismusâ statt von autistischen Menschen, von âMenschen, die unter Autismus leidenâ â als wĂ€re Autismus von uns separierbar und als wĂ€re da ein allistischer Mensch âunter dem furchtbaren Autismusâ, den man am liebsten âheilenâ wĂŒrde.
Ich will gar nicht neurotypisch sein, ich will ich selbst sein.
Man stelle sich mal vor, man wĂŒrde von âMenschen mit HomosexualitĂ€tâ sprechen. Von âMenschen, die unter Queerness leidenâ.
RealitĂ€t ist, viele gleichzeitig ohne formale Diagnose gar nicht ernst genommen werden, obwohl Selbstidentifikation in Bezug auf Autismus oft sehr akkurat ist und Betroffene meist sehr viel dazu recherchieren und oft viel mehr darĂŒber wissen als das meiste Fachpersonal.
RealitĂ€t ist, dass es eine extreme HĂŒrde ist, als erwachsener Mensch ĂŒberhaupt DiagnostikplĂ€tze zu bekommen. Stockkonservative Autismusambulanzen mit jahrelangen Wartezeiten sind oft die einzige Option. In Sachsen ist es besonders prekĂ€r â die Autismusambulanz an der Uniklinik Dresden die Aufnahme auf die Warteliste fĂŒr Erwachsene ganz eingestellt.
RealitĂ€t ist, dass Fachpersonal oft keine Ahnung von Neurodivergenz hat. Privilegien, Arroganz, alte Mythen. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht von Betroffenen Horrorstorys mitbekomme: âADHS? Kann doch gar nicht sein, Sie studieren doch!â âAutismus? Nene, Sie haben mir doch in die Augen gesehen!â Oder mein bisheriger Top-Favorit: âSie können doch gar nicht autistisch sein, Sie sind doch attraktiv.â Weiblich gelesen und Trauma? Hier, deine Borderline-Diagnose.
RealitĂ€t ist, dass zig Organisationen ein Statement an die neue US-Regierung erstellen mussten, dass Autismus nicht durch Impfungen hervorgerufen wird. Dass in GroĂbritannien geplant wird, dass alle trans Kinder sich auf Autismus testen lassen sollen â um autistischen trans Personen ihr Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen. Ein US-Gesundheitsminister, der ein zentrales Register zur Erforschung der âUrsachen von Autismusâ schaffen will, um es zu âbekĂ€mpfenâ. Es ist lange bekannt, dass Neurotypen wie Autismus oder âADHSâ hauptsĂ€chlich genetisch sind, die Konsequenz könnt ihr euch sicher denken.
RealitĂ€t ist, dass öffentliche HitlergrĂŒĂe Musks von deutschen Medien als âunbeholfene Geste eines autistischen Mannesâ bezeichnet werden. Als wĂŒssten Autist:innen nicht, was ein HitlergruĂ ist. Ich. Könnte. Kotzen.
Ich bin wĂŒtend. Auf die Arroganz und die Ignoranz, die uns neuroqueeren Menschen entgegenschlĂ€gt. WĂŒtend, dass man Menschen danach beurteilt, wie gut sie fĂŒr eine normative Gesellschaft âfunktionierenâ â und die, die nicht gut genug âfunktionierenâ, am liebsten loswerden will. Dass mit aller Kraft gerade versucht wird, Fortschritte zunichtezumachen und faschistische UnterdrĂŒckung wieder salonfĂ€hig zu machen. Dass so viele Menschen in ihrer kollektiven normativen Trance noch immer die RealitĂ€t nicht sehen.
Antifaschistischer Queerfeminismus muss auch neuroqueer sein.
Ich soll an meiner Wut arbeiten? Klar. Aber sicher nicht so, wie ihr euch das vorgestellt habt.
Alerta, alerta, antifascista!